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Hessischer Friedenspreis für Carla del Ponte

Freitag, 23.02.2018, 11:00 Uhr bis 13:00 Uhr
Carla del Ponte eingerahmt von Landtagspräsident Kartmann, Prof. Dr. Dr. h.c. Angelika Nußberger, Ministerpräsident Bouffier, Kuratoriumsvorsitzendem Starzacher - Foto: Hessischer Landtag, Kanzlei, Hermann Heibel, 2018

Landtagspräsident Norbert Kartmann begrüßte zur Preisverleihung im Musiksaal des Hessischen Landtags zahlreiche Ehrengäste und würdigte die diesjährige Preisträgerin. „Wir ehren mit dem Hessischen Friedenspreis eine Kämpferin für Recht, für Gerechtigkeit, für den Frieden, den es ohne Durchsetzung von Menschenrechten, ohne Gerechtigkeit nicht geben kann. Wir ehren die langjährige Chefanklägerin sowohl des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, zuständig für die Verfolgung schwerer Verbrechen während der Jugoslawienkriege, als auch zeitweise des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda, zuständig für die Verfolgung des Völkermords in Ruanda: Wir begrüßen und beglückwünschen die Trägerin des Hessischen Friedenspreises, Frau Carla del Ponte“, sagte Kartmann.

„Die Errungenschaften des internationalen Völkerrechts und der Menschenrechte sind nur dann wirkungsvoll, wenn Verbrechen, die gegen diese Abkommen verstoßen, auch geahndet werden, wenn gegen die, denen solche Verbrechen zur Last gelegt werden, Anklage erhoben wird. Es ist daher für eine zivilisierte Gesellschaft von Bedeutung, dass wir juristische Instanzen haben, die diese Vergehen ahnden. Die Tätigkeit von Frau del Ponte als Chefanklägerin legt Zeugnis ab von der Bedeutung dieser Institution und auch von den Schwierigkeiten dieser Aufgabe. Dabei ist es zu würdigen, mit welcher Unerschütterlichkeit, mit welcher Kraft und welchem Mut Carla del Ponte diese Verbrechen verfolgt und mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Anklage gebracht hat“, betonte der Landtagspräsident.

„Seit 1994 zeichnen wir mit dem Hessischen Friedenspreis Persönlichkeiten aus, die sich in besonderem Maße für Frieden und Völkerverständigung engagieren. In Zeiten, in denen es vermehrte Tendenzen zur Abschottung, zu nationalen Egoismen und zu Populismus gibt, steht die Wahrung des internationalen Völkerrechts und damit der Garantie von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit über allem. Carla del Ponte hat sich unermüdlich für den Frieden eingesetzt, in der unbeugsamen Überzeugung, dass nur das Recht einen nachhaltigen Frieden schaffen kann. Gegen alle Widerstände hat sie für Gerechtigkeit gekämpft und den Opfern von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen eine starke Stimme gegeben. Unsere Demokratie, unsere Rechtstaatlichkeit und eine friedlichere Welt brauchen mutige und entschlossene Menschen wie Carla del Ponte. Sie ist ein herausragendes Vorbild für Mut, für Überzeugung und für Haltung – und eine würdige Preisträgerin des Hessischen Friedenspreises 2017“, sagte der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier in seinem Grußwort.

Prof. Dr. Dr. h.c. Angelika Nußberger, Vizepräsidentin des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, zeichnete in ihrer Laudatio ein deutliches Bild der Preisträgerin:

„Carla del Ponte hat ein Ziel: Sie ist überzeugt, dass eine auf ungesühnten Verbrechen und Ungerechtigkeit aufbauende Gesellschaft nicht wirklich Frieden finden kann. Und für dieses Ziel ist sie bereit, im wahrsten Sinne des Wortes ‚alles‘ zu geben, ihre Lebenszeit, ihre Energie, ihre Sicherheit.

Frieden beruht auf Vertrauen in Gerechtigkeit. Ein derartiges Vertrauen entsteht nicht von selbst, es muss in der täglichen Arbeit der Justiz aufgebaut und im Dialog zwischen Gerichten und Gesellschaft verdient, erarbeitet werden. Werden schwere Straftaten nicht zur Anklage gebracht, bleiben Täter ohne Strafe und Opfer ohne Anerkennung ihres Leidens, geht Vertrauen verloren, oftmals auf Dauer. Nach einem Krieg können die Waffen schweigen. Aber das ist noch nicht Frieden. Um Frieden zu erreichen, braucht es mehr. Man muss alte Brücken aufbauen, neue Brücken errichten.

All dies kann – und dies ist der rote Faden im Denken und Handeln von Carla del Ponte - nicht gelingen, wenn es eine – wie sie sagt – ‚Kultur der Straflosigkeit‘ gibt, wenn Unrecht Unrecht bleibt, wenn das Böse nicht benannt, die Stimme der Opfer nicht gehört wird. Carla del Ponte hat nicht nur viel, sie hat alles gewollt. Sie wollte nicht nur etwas Frieden, sondern wirklichen Frieden. Sie hat nicht alles erreicht. Es gibt keinen wirklichen Frieden. Wenn man sich für Frieden einsetzt, kann auch das teilweise Scheitern schon ein Erfolg sein, wenn es den rechten Weg aufgezeigt hat.

Den rechten Weg, den Weg, für den es Mut und Tatkraft braucht, hat Carla del Ponte eingeschlagen. Dass es noch  viel zu tun gibt, schmälert nicht ihre Leistung. Im Gegenteil: es zeigt, dass sie Pionierin war. Und dass es zu hoffen gilt, dass andere Mutige ihrem Beispiel folgen.

So ehren wir Carla del Ponte mit dem hessischen Friedenspreis dafür, dass sie, als wir alle durch die Grausamkeit und Unmenschlichkeit in den Kriegen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts tief verstört und sprachlos waren, das Heft des Handelns in die Hand genommen und gezeigt hat, dass wir mehr können, als erschrocken danebenstehen. Wir können – wie sie – Verantwortung übernehmen und statt eines lauen ‚Jein‘ ein klares ‚Nein‘ sagen, wenn dies die einzige richtige Antwort ist“, betonte die Laudatorin. 

Die Preisträgerin Carla del Ponte bedankte sich für die Auszeichnung. Sie werde das Preisgeld nutzen, um ihr Engagement für verschiedene Hilfsprojekte weiterzuführen. „Internationale Justiz ist nur möglich, wenn der politische Wille vorhanden ist“, resümierte del Ponte über ihre Arbeit.

Der Hessische Friedenspreis und das zugehörige Kuratorium wurden 1993 vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald gegründet. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger des Hessischen Friedenspreises:

1994                 Marianne Heiberg-Holst, Norwegen
1995                 John Hume, Nord-Irland
1996                 Gregorio Rosa Chavez, El Salvador
1997                 Hans Koschnik
1998                 Alexander Lebed, Russland
1999                 George J. Mitchell, USA
2000                 Martti Ahtisaari, Finnland
2001                 Max von der Stoel, Niederlande
2003                 Lakhdar Brahimi, Algerien
2004                 Hans Blix, Schweden
2005                 Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama
2006                 Daniel Barenboim, Israel
2007                 Christian Schwarz-Schilling, Deutschland
2008                 Sam Nunn, USA
2009                 Dekha Ibrahim Abdi, Kenia
2010                 Ismail Khatib, Palästina
2011                 Sadako Ogata, Japan
2012                 Elisabeth Decrey Warner, Schweiz
2013                 Dr. Muhammad Ashafa und Dr. James Wuye, Nigeria
2014                 Rubem César Fernandes, Brasilien
2015                 Ella Mikhaylovna Polyakova, Russland
2016                 Federica Mogherini, Italien