Demokratische Teilhabe zwischen Cybergrooming und Deep Fakes
Sachverständige berichten in Enquetekommission über Möglichkeiten zur Jugendbeteiligung im digitalen Raum.
Wie Kinder und Jugendliche über soziale Medien in demokratische Prozesse eingebunden werden können und welche Gefahren dabei drohen, haben vier Sachverständige in der 14. Sitzung der Enquetekommission „Demokratie und Teilhabe leben – Beteiligung junger Menschen stärken“ erläutert.
Jasmin Bastian, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, ging in ihrem Vortrag besonders auf die Voraussetzungen für eine gelingende digitale Beteiligung ein. „Jugendliche sollen nicht nur Inhalte verstehen, sondern auch die Logik der Sichtbarkeit“, mahnte sie. Doch die Teilhabe gelinge nicht, ohne das Wohlbefinden und die Belastungsgrenzen von Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen. Zwar gab sich die Erziehungswissenschaftlerin überzeugt, dass soziale Medien die politische Teilhabe junger Menschen erhöhen könne. Desinformation könne jedoch auch dazu führen, dass Jugendliche sich zurückziehen. Bastian sprach sich für eine altersangemessene Förderung aus statt abstrakter Warnungen.
„Altersbeschränkungen lösen keine Probleme“
Einblicke in den Jugendmedienschutz gab Jessica Euler, geschäftsführende Referentin der Aktion Kinder- und Jugendschutz Brandenburg. Sie sieht die Risiken im digitalen Raum ebenfalls nicht allein bei den Inhalten, sondern im Design der Plattformen. „Medienkompetenz sollte schon in den Kitas beginnen“, sagte Euler, die auch Mitglied in der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz ist. Statt einmaliger, normativer Angebote empfahl sie eine kontinuierliche Medienbildung, die sich an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen orientiert. „Altersbeschränkungen lösen keine Probleme“, ist Euler überzeugt. Sie setzt stattdessen auf einen Dreiklang aus Schutz, Teilhabe und Befähigung: „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung“.
Die Anbieter von Plattformen in die Verantwortung zu nehmen, forderte Deborah Woldemichael. Leiterin von Klicksafe, einer Initiative im Rahmen des EU-Programms „Digitales Europa“. Woldemichael, die auch das Team Medienkompetenz bei der Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz leitet, riet zu einer frühzeitigen Medienbildung, die auch Eltern einbezieht, und mehr Fortbildung für pädagogische Fachkräfte. Schon jedes fünfte Kleinkind besitze ein eigenes Tablet, jedes zehnte Kind zwischen zwei und fünf Jahren ein eigenes Handy oder Smartphone. Immer früher machten Kinder daher auch negative Erfahrungen und kämen in Kontakt mit manipulativem Inhalt, sexueller Belästigung, Erpressung sowie auch allgemeinen Verbraucherrisiken wie Fake Shops oder In-App-Käufen. Generative KI verstärke diese Gefahren noch, sagte Woldemichael.
Meldestrukturen ernst zu nehmen und Gesetze zum Datenschutz auch durchzusetzen, mahnte Dr. Simon Kruschinski, der am Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS) in Köln forscht. Das GESIS ist die nach eigenen Angaben größte europäische Infrastruktureinrichtung für Sozialwissenschaften. Kruschinski, der ein Forschungsprojekt zur Wirkung von digitaler Werbung auf Social Media leitet, warnte, die Plattformen führten zu Echokammern, die polarisierende Inhalte bevorzugen. Um verschiedene Zusammenhänge zu erforschen, etwa wie häufig Menschen in den sozialen Medien mit Inhalten wie Extremismus in Berührung kommen, fehle jedoch noch häufig die entsprechende Datenbasis. In einem Punkt war sein Urteil allerdings eindeutig: „Beim Thema Medienkompetenz sind wir schon viel zu spät dran“, lautet sein Fazit.
Hintergrund:
Seit Oktober 2024 beschäftigt sich die Enquetekommission „Demokratie und Teilhabe leben – Beteiligung junger Menschen stärken“ unter dem Vorsitz von Cirsten Kunz-Strueder (SPD) mit der Frage, welche Möglichkeiten der Mitsprache Kinder und Jugendliche in Hessen gegenwärtig haben und wie diese in Zukunft besser ausgestaltet werden können. In vorangegangen Sitzungen beschäftigten sich die Mitglieder der Kommission unter anderem mit den rechtlichen Grundlagen und psychologischen Gegebenheiten von Jugendbeteiligung.