Digitale Beteiligung allein hilft nicht
Anhörung in der Enquetekommission zur Jugendbeteiligung
Kinder und Jugendliche digital in demokratische Prozesse einzubinden, ist nicht genug. Dies muss stets damit einhergehen, sie auch in ihrer Alltagswelt an Entscheidungen zu beteiligen. Darüber waren sich die Sachverständigen einig, die in der Enquetekommission zur Jugendbeteiligung ihre Einschätzungen abgaben. Erörtert wurden in der 12. Sitzung die Beteiligungsmöglichkeiten im digitalen Raum.
Prof. Dr. Yannis Theocharis von der Technischen Universität München (TUM) ging in seinem Vortrag auf die Unterschiede zwischen den einzelnen digitalen Plattformen wie Instagram oder X, vormals Twitter, und deren jeweilige Nutzergruppen ein. Generell seien Nutzer von Plattformen politisch aktiver als Nichtnutzer, so Theocharis, der zu Digital Governance forscht. Doch Studien zeigten auch: „Digitale Plattformen ersetzen Offline-Beteiligung nicht, sondern sie bestärken sich“. Von besonderer Bedeutung ist Theocharis zufolge, wie der digitale Raum gestaltet ist und welche Regeln dort herrschen. Kinder und Jugendliche sollten geschützt werden, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.
Auch Georg von Rechenberg vom Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern zeigte sich überzeugt: „Die Trennung von analog und digital ist eine Fiktion“. Was im virtuellen Raum geschehe, habe ganz reale Auswirkungen. Rechenberg, der seit 2021 das Projekt „Digitale Jugendbeteiligung“ des Landesjugendrings leitet, forderte digitale Safe Spaces. Orte der Beteiligung müssten sichere Orte sein. Denn: „Ohne Vertrauen wird gute Jugendbeteiligung nicht funktionieren“, so von Rechenberg.
Auf die Frage, wie durch Partizipation ein Mehrwert für die Gesellschaft entstehen kann, ging der Wirtschaftsinformatiker und KI-Experte Prof. Sebastian Herrmann von der Hochschule RheinMain ein. Bisher sei dies noch wenig erforscht. Herrmann zufolge zeigt sich jedoch, dass bei der Einbindung von Jugendlichen der richtige Zeitpunkt und geeignetes Feedback eine wichtige Rolle spielten.
Die These „Beteiligung kann einfach sein“ vertrat Gregor Dehmel vom Verein Politik zum Anfassen e.V., der Kommunen bei Projekten zur Jugendbeteiligung unterstützt. Seine Erfahrung habe gezeigt: „Digital geht nicht ohne analog“. Jugendliche brauchten aber auch Anreize, um sich zu beteiligen. Auf Seiten der Kommunen seien Routinen wie Checklisten nötig, um die Einbindung zu gewährleisten.
Dafür, mit der Partizipation so früh wie möglich anzusetzen, sprach sich Sebastian Mech von der Justus-Liebig-Universität Gießen aus. „Eine positive Partizipationserfahrung ist wichtig“, sagte der Politikwissenschaftler. Wer selbst beteiligt wurde, beteilige auch leichter andere an Prozessen und Entscheidungen.
Hintergrund
Seit Oktober 2024 beschäftigt sich die Enquetekommission „Demokratie und Teilhabe leben – Beteiligung junger Menschen stärken“ unter dem Vorsitz von Cirsten Kunz-Strueder (SPD) mit der Frage, welche Möglichkeiten der Mitsprache Kinder und Jugendliche in Hessen gegenwärtig haben und wie diese in Zukunft besser ausgestaltet werden können. In vorangegangen Sitzungen beschäftigten sich die Mitglieder der Kommission mit den rechtlichen Grundlagen und psychologischen Gegebenheiten von Jugendbeteiligung.