„Manipulationsversuchen entgegenzutreten, ist eine große politische Aufgabe“
Filmvorführung vermittelt Schülern Wissen über die NS-Zeit
Die Mechanismen und Instrumente von Manipulation erkennen, um Propaganda entgegenzutreten – dies steht im Fokus der zweiten Veranstaltung der Bildungsreihe „Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“ des Hessischen Landtages unter dem Titel: „Von der Lüge zur Erkenntnis: ‚Jud Süß‘ und die Macht der Bilder“. Rund 70 Schülerinnen und Schüler der Georg-August-Zinn-Schule aus Reichelsheim, der IGS Obere Aar aus Taunusstein und des Gymnasiums Eltville setzten sich dabei in Workshops mit dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Jud Süß“ auseinander.
„Wir müssen die Bemühungen im Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft angesichts der aktuellen Lage noch weiter intensivieren“, sagte Landtagspräsidentin Astrid Wallmann. Es sei von grundlegender Bedeutung, zunächst ein Bewusstsein für die allgegenwärtige Propaganda in neuem Gewand zu schaffen und möglichst viele Menschen mit Kompetenzen auszustatten, um Propaganda zu erkennen und zu verstehen, wie sie funktioniert. „Manipulationsversuchen, die sich oftmals gegen unsere freiheitliche demokratische Ordnung richten, wirkungsvoll entgegenzutreten, ist eine große gesellschaftliche und politische Aufgabe“, sagte Wallmann weiter.
Der Film „Jud Süß“ unter der Regie von Veit Harlan aus dem Jahr 1940 gilt als die bekannteste nationalsozialistische Filmproduktion. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bei den großen Filmgesellschaften antisemitische Spielfilme in Auftrag gegeben, die die Verschärfung der Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung propagandistisch unterlegen und legitimieren sollten. Etwa 20 Millionen Zuschauer sahen den Film zum Start.
„Blick für heutige Fake News schärfen“
Begleitet wurde die Filmvorführung von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung aus Wiesbaden, die sich für den Erhalt des deutschen Filmerbes einsetzt und in ihrem Bestand über mehr als 6000 Stumm- und Tonfilme sowie Kurz-, Werbe- und Dokumentarfilme von den Anfängen des Kinozeitalters bis zu den 1960er Jahren verfügt. Filmreferenten der Murnau-Stiftung reflektierten gemeinsam mit den Jugendlichen Wahrnehmung, Wirkung und Aktualität antisemitischer Stereotype sowie Parallelen zu heutigen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung.
Stiftungsvorstand Christiane von Wahlert sagte: „Antisemitismus ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Dagegen müssen wir etwas tun. Kompetenzen, die bei der Analyse von NS-Filmen eingeübt werden, können den Blick schärfen für heutige Fake News, für Propaganda und für Bestrebungen, die Geschichte umzuschreiben.“
Darüber hinaus erläuterte Prof. Dr. Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte München–Berlin (IfZ) in einem Vortrag die Hintergründe zur Produktion, politischen Instrumentalisierung und Rolle des Films im Propagandasystem des NS-Staates.
Hintergrund
In der Bildungsreihe des Hessischen Landtages wird das Thema Antisemitismus aus unterschiedlichen Perspektiven und in verschiedenen Formaten beleuchtet. In der Auftaktveranstaltung am 25. November 2025 diskutierten die Historiker Prof. Dr. Eckart Conze von der Philipps-Universität Marburg und Dr. Christoph Thonfeld, stellvertretender Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau, mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, über die Frage, welche Schlüsse wir im Kampf gegen Antisemitismus aus der Vergangenheit ziehen können.
Am 9. März folgt der Aktionstag „Jüdisches Leben heute“, der sich – wie der gemeinsame Aktionstag mit der Bildungsstätte Anne Frank am 4. Mai – an Schülerinnen und Schüler richtet. Den Abschluss im Herbst 2026 bildet eine Veranstaltung mit dem hessischen Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker.