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Jugendliche diskutieren
28
Januar
2026

So klingt Demokratie: Beim hr2-Hörfest zählen Argumente

Jugendliche haben im Landtag über Politik in Digitalen Medien diskutiert. Dabei ging es um Inhalte – und die Form. Denn eine wertschätzende Debattenkultur stand im Fokus des Hörfestes.

Soll der Hessische Landtag seine Plenarsitzungen bei TikTok streamen? Über diese Frage haben sich vier frühere Finalisten des Wettbewerbs „Jugend debattiert“ ausgetauscht. Der Showdebatte folgten über hundert Gäste im Musiksaal, die meisten von Schulen aus Hessen.

Politik erreicht über TikTok junge Menschen

Marius Kümmel vertrat die Pro-Seite: „Landespolitik erreicht junge Menschen nicht mehr.“ Er schlug einen moderierten Livestream vor, der von Moderatoren kommentiert und das Geschehen im Plenarsaal erläutert wird. „74 Prozent der jungen Menschen informieren sich in Sozialen Medien über die Politik“, so Kümmel. Daher müsse nach seiner Ansicht auch TikTok als politische Bildungsplattform angesehen werden. Leopold Heuberger sprach sich ebenfalls für einen TikTok-Stream aus: „Gerade durch eine Moderation werden komplexe Sachverhalte verständlich erklärt.“ Er verwies auf das Österreichische Parlament, das mit einem kommentierten Stream regelmäßig 15.000 Menschen erreicht.

Kritik an Kommentarkultur bei TikTok

Überzeugt war Leijla Sefo davon nicht. TikTok setze auf Unterhaltung und kurze Videos, es sei daher die falsche Plattform. „Wollen wir Short-Content?“, frage sie und sagte, eine simultane Moderation könne überfordern, ebenso eingehende Kommentare: „Wo wollen wir dann Grenzen setzen und wie soll man auf Live-Reaktionen eingehen?“ Juliette Erhardt lehnte in der Debatte den TikTok-Stream ebenfalls ab: „Es kann eine Illusion von Mehrheit entstehen, wenn viele Kommentare ähnlich klingen.“ Sie hinterfragte, wie eine Landtagsverwaltung dies überparteilich einordnen könnte. Zudem würde ein solcher Stream eines Parlaments die nicht unumstrittene Plattform TikTok legitimieren.

Nach der Showdebatte – die vier Diskutanten hatten ihre Pro- oder Contra-Position zugelost bekommen – durfte das Publikum entscheiden, welche Argumente mehr überzeugten. Es wurden mehr rote als grüne Kärtchen gehoben.

Auch Landtagspräsidentin Astrid Wallmann votierte gegen einen TikTok-Stream. Zuvor sprach sie darüber, dass sich viele Menschen ausschließlich über Digitale Medien informieren: „Dies erfordert jedoch erhöhte Kompetenzen, um Fakten von Falschmeldungen und Behauptungen von geprüften Informationen zu unterscheiden. Hinzu kommt oftmals eine starke Emotionalisierung in der Darstellung von Inhalten, aber natürlich auch, weil derartig präsentierte Botschaften eine höhere Aufmerksamkeit und Wirkung erzielen.“ 

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hr2-Hörfest im Musiksaal Jugendliche halten Contra Kärtchen hoch
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Landtagspräsidentin Wallmann spricht

Diskussionsrunde mit Wissenschaftlern

In einer anschließenden Gesprächsrunde ging Prof. Dr. Julian Ernst von der Justus-Liebig-Universität Gießen auf die Technik hinter den Online-Plattformen ein: „Man muss sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen und über die Algorithmen sowie deren Empfehlungssysteme sprechen. Das Wissen hierüber muss gestärkt werden.“ Problematisch sieht der Medienpädagoge die Tendenz zur Monopolisierung der Plattformen. 

Dr. Jan-Jonathan Bock von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung erklärte, dass junge Menschen in der Debattenkultur gestärkt werden müssen. Nur so könnten sie sich in einer alternden Gesellschaft behaupten. „Früher konnten sie alleine schon durch ihr Konsumverhalten die Gesellschaft mitgestalten. Derzeit aber haben Ältere die politische, ökonomische und finanzielle Macht, da kommen junge Generationen nicht gegen an“, sagte Bock, es entstünde ein Ohnmachtsgefühl. Es brauche eine Stärkung auch digitaler Kompetenzen. 

Hintergrund

Jugend debattiert ist ein Programm auf Initiative und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Träger sind die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und die Heinz Nixdorf Stiftung in Kooperation mit der Kultusministerkonferenz, den Kultusministerien und den Parlamenten der Länder. Gefördert wird das Programm vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.